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Ausstellungen an der SUB Göttingen


”VATER DER DEUTSCHEN DICHTKUNST”
ÜBER MARTIN OPITZ

In Goethes Schriften kommt der Name Opitz gar nicht vor, aber bei Lichtenberg wenigstens einmal: 1775 in einer spaßhaften Sudelbuchnotiz, die mit den Worten beginnt:

    Ich getraue mich unsre berühmten deutschen Dichter von Opitz bis auf Hölty in etwa 30 leichte versus memoriales [Merkverse] zu bringen, die jeden Quartaner in den Stand setzen sollten von ihnen zu urteilen.
    (E 142 P)

Von Opitz bis Hölty – das heißt: von den Anfängen bis in die Gegenwart. Daß die Reihe der deutschen Dichter mit Opitz beginnt, darüber stimmte man im 18. Jahrhundert überein. Lange vor der Gründung der Germanistik haben die Zürcher Kunstrichter Bodmer und Breitinger 1745 den ersten, leider einzigen Band einer historisch-kritischen Opitz-Ausgabe herausgebracht, in der seine Gedichte nicht bloß sachlich und sprachlich erläutert, sondern auch mit den Lesarten der verschiedenen Drucke des 17. Jahrhunderts versehen sind. Dieser ”vortrefflichen Schweizer Ausgabe”, wie Lessing sie genannt hat, ging eine andere ”Erneurung Seines Andenkens” voraus, nämlich eine ”Lob- und Gedächtnißrede”, die der Leipziger Professor Johann Christoph Gottsched, der Gegner Lessings und der Schweizer, ”auf den Vater der deutschen Dichtkunst, Martin Opitzen von Boberfeld,” am 20. August 1739 ”auf der philosophischen Catheder” gehalten hat. In diesem Punkt waren die Kontrahenten einig. Den Anlaß der Rede bildete die 100. Wiederkehr von Opitzens Todestag. Wenig später kam im schlesischen Hirschberg eine ”Umständliche Nachricht von des weltberühmten Schlesiers, Martin Opitz von Boberfeld, Leben, Tode und Schrifften, nebst einigen alten und neuen Lobgedichten auf Ihn” heraus – ein rechtes Kompendium, in dem wie versprochen ausführlich auch ”von Opitzens Krankseyn und Sterben” berichtet wird.

    Im Jahr 1639. war in Danzig die Pest, ob zwar noch auf eine erträgliche Weise. Unser Opitz wurde den 17. Aug. auf der Strasse von einem Bettler um ein Allmosen angesprochen, und reichte es ihm auch. Der Bettler aber sahe scheußlich aus und hatte viel Beulen. Hierüber erschrack unser Opitz, bekam die Nacht darauf Hitze, und mußte den folgenden Tag zu Bette liegen bleiben.
    [...] Als sich nun seine Krankheit je mehr und mehr verschlimmerte, und keine Arzney fruchten wollte; so starb er endlich den folgenden 20. Aug. des Morgens früh. Den 22sten Aug. wurde er in der Oberpfarrkirche zu St. Marien standesmässig begraben.
    (88-90)

An anderer Stelle, im Abschnitt über die ”Leichenschriften auf Opitzes Sterben”, kann man lesen:

    Eine allgemeine Klage ist sonst noch unter den Gelehrten, daß unserm Opitz kein steinernes oder anderes dauerhaftes Denkmal aufgesetzt worden, und daß itzo noch seine Asche unter einem alten Steine ruhen muß, der auch nicht einmal eine kurte Aufschrift aufweiset. [...] Allein unser Opitz hat in der That keines irdischen Ehrenmals nöthig, weil er sich schon bey Lebzeiten durch seine unvergleichliche Schriften ein gantz unverweßliches gesetzt hat.
    (116 f., 119)

Dessen waren schon seine Zeitgenossen gewiß – wie zum Beispiel auch der Dichter Paul Fleming, der die (übrigens falsche, jedenfalls verfrühte) Nachricht von Opitzens Tod im fernen Astrachan, an der Wolgamündung, erhielt. Die Reihe der Trauergedichte beginnt mit den Versen:

    So zeuch auch du denn hin in dein Elyserfeld,
    Du Pindar, du Homer, du Maro [Vergil] unsrer Zeiten,
    Und untermenge dich mit diesen grossen leuten,
    Die gantz in deinen Geist sich hatten hier verstellt.
    Zeuch jenen Helden zu, du jenen gleicher Held,
    Der itzt nichts gleiches hat. Du Hertzog deutscher Seiten;
    O Erbe durch dich selbst der steten Ewigkeiten;
    O ewiglicher Schatz und auch Verlust der Welt.
    (Teutsche Poemata, 1646, 188)

Worauf beruht dieser Ruhm? Als Opitz starb, war er 41 Jahre alt. Geboren 1597 als Sohn eines Schlachtermeisters in Bunzlau am Bober, reformierter Konfession, hat er dort die Lateinschule, dann in Breslau und Beuthen das Gymnasium besucht, ist schließlich 1619 zum Studium nach Heidelberg gegangen. Da hatte der Dreißigjährige Krieg gerade begonnen. Opitz war später für kurze Zeit als Lehrer am Akademischen Gymnasium im siebenbürgischen Weißenburg tätig, stand, wieder in Schlesien, einige Jahre lang im Dienst teils des kaiserlichen Kammerpräsidenten Hannibal von Dohna, teils der protestantischen Herzöge von Liegnitz und Brieg, diente zuletzt in Danzig als Sekretär und Geschichtsschreiber dem polnischen König Ladislaus IV. Sein Aussehen soll nicht sehr gewinnend gewesen sein: ”ein Männlein, sehr klein, häßlich und hager” (Trunz 1975, Nachwort, 99*.) Reisen haben ihn nach Holland und Dänemark, nach Wien, Dresden, Prag, Thorn, Warschau, Straßburg und Paris geführt. Ein geschätzter Diplomat, mit vielen Großen seiner Zeit bekannt, vom Kaiser in den Adelsstand erhoben – für den erst dreißigjährigen Sohn eines Schlachtermeisters gewiß eine ungewöhnliche Karriere. Ungewöhnlich aber auch: daß Opitz es nicht eigentlich darauf abgesehen hatte. Von Jugend auf war er wie mancher andere auch, der das Gymnasium und die Universität (die ”Akademie”, wie sie damals hieß) besuchen konnte, dichterisch tätig gewesen, mit achtzehn Jahren hat er seine ersten Gedichte, mit neunzehn ein erstes schmales Buch, mit zwanzig eine Abhandlung über Sprache und Dichtung veröffentlicht. Und zwar alles auf lateinisch; aber die Abhandlung heißt: Aristarchus sive de contemptu Linguae Teutonicae, also: Aristarch oder über die Verachtung der deutschen Sprache, und darin führt Opitz außer einigen Versen des Marners, aus dem 13. Jahrhundert, auch allerlei eigene an, Beispiele und Beweise dafür, daß man sich im Deutschen ebenso kräftig und gefällig, ebenso prägnant und elegant ausdrücken könne wie in den Sprachen der benachbarten Nationen. Das beginnt so:

    O Fortun, o Fortun, stieffmutter aller frewden,
    Anfeinderin der lust, erweckerin der noth,
    Du todtes leben, ja du lebendiger Todt,
    Durch welcher grimm sich mus manch trewes hertze scheiden.
    (Aristarchus, ed. Witkowski, 113)

Wenige Jahre später hat Opitz zwei große Gedichte des Niederländers Daniel Heinsius ins Deutsche übertragen – bevor er 1624 daran ging, die Prinzipien der neuen Poesie mit einiger Ausführlichkeit darzulegen: in seinem epochemachenden Buch von der Deutschen Poeterey. Die eigenen Gedichte, soweit sie dem strenger gewordenen Urteil des Dichters genügten, kamen ein Jahr später gesammelt heraus: Martini Opitii Acht Bücher, Deutscher Poematum, durch Ihn selber herausgegeben auch also vermehret vnnd vbersehen, das die vorigen darmitte nicht zu uergleichen sindt. Es war nämlich ohne sein Zutun 1624 in Straßburg eine erste Gesamtausgabe erschienen, die aber den Dichter wegen verschiedener Mängel nicht befriedigen konnte: mit einigen religiös, politisch oder moralisch anstößigen Epigrammen und allerlei stilistisch oder metrisch ungeschickten Wendungen, deren sich der Dichter nun zu schämen begann. Da war zum Beispiel in der scherzhaften Grabschrift auf einen Blasebalgmacher, dem es nun selber an Wind gebricht, der Vers zu lesen:

    Hier lieget, der die Blaßebälge machte
    (Teutsche Poemata, ed. Witkowski, 135)

Nun aber sollte es mit wenigen und geringfügigen Änderungen heißen:

    Hier liegt ein Mann, der Blasebälge machte
    (ebenda)

Erst so schien dem feineren Ohr der Satz richtig zu sein, und nun erst war daraus ein guter Vers geworden. Denn die wichtigste Neuerung, die Opitz in die deutsche Dichtung eingeführt hat, bestand einfach darin, daß wie schon bei den Holländern in deutschen Versen regelmäßig schwere auf leichte oder auch leichte auf schwere Silben folgen sollten – mit den Worten des Buchs von der Deutschen Poeterey:

    Nachmals ist auch ein jeder verß entweder ein iambicus oder trochaicus [...]
    (Poeterey, ed. Alewyn, 37)

Nachdem sich einige Versuche, die deutsche Poesie enger an die lateinische oder französische Metrik zu binden, nicht hatten behaupten können, war das, sozusagen, das Ei des Columbus. Die wichtigsten Versmaße waren der fünfhebige Jambus, der ‚Gemeine Vers‘, mit einer Zäsur nach der vierten Silbe, und der sechshebige Jambus, der Alexandriner, der ‚Heroische Vers‘, mit der Zäsur in der Mitte. Noch im Zeitalter des Barock kamen daktylische Versmaße, im 18. Jahrhundert kam der reimlose Fünfheber, der Blankvers, hinzu. Aber an der Vorherrschaft der von Opitz begründeten Metrik hat sich trotz aller Umwälzungen der deutschen Dichtung, die seit Klopstocks Auftreten stattgefunden haben, in manchen Bereichen bis heute kaum etwas geändert. So beginnt zum Beispiel im Göttinger Tageblatt fast jede dritte Todesanzeige mit einem Motto aus Versen jambischer oder trochäischer Art – abgefaßt noch immer nach den Regeln, die Opitz vor bald vier Jahrhunderten aufgestellt hat. Mit den Reimen tut man sich allerdings schwer:

    Du siehst den Garten nicht mehr grünen,
    in dem du einst so froh geschafft,
    siehst deine Blumen nicht mehr blühen,
    weil dir dein Leiden nahm die Kraft,
    stets bescheiden, allen helfend,
    so hat jeder dich gekannt.
    Ruhe sei dir nun gegeben,
    hab für alles vielen Dank.
    (GT 19.1.1999)

Und so wird es wohl noch einige Zeit weitergehen. Sicherlich aber hätte Opitz diesen durchschlagenden und anhaltenden Erfolg nicht errungen, wenn er bloß ein Lehrbuch geschrieben hätte – und nicht auch Gedichte, die sich nach dem Urteil seiner Zeitgenossen sehen und hören lassen konnten, Gedichte außerdem von beinahe jeder Art, geistliche und weltliche, ernste und witzige, Lieder und Sonette, Lobgesänge und Totenklagen, umfangreiche Lehrgedichte und zwei- oder vierzeilige Epigramme. Darüber hinaus, zumeist in Gestalt von Übersetzungen: Drama und Singspiel, und in Prosa: Staats- und Schäferroman. Zu Recht hat Opitz nicht bloß den wohlfeilen Titel eines kaiserlich gekrönten Poeten erhalten, sondern unter dem Namen ”Der Gekrönte” auch einen Ehrenplatz im ”Palmenorden”, der führenden Sprach- und Literaturgesellschaft der Zeit. Seine große Darstellung zur Geschichte Siebenbürgens, Dacia antiqua, hat er nicht vollenden können, sie ist ungedruckt geblieben und verlorengegangen; aber dem Interesse an der deutschen Dichtung des Mittelalters hat man die Ausgabe des Anno-Liedes zu verdanken, die Opitz mit einem gelehrten lateinischen Kommentar 1639, in seinem Todesjahr, vorgelegt hat. Aufgrund dieser Ausgabe muß man Opitz auch zu den Vätern der Deutschen Philologie, der Germanistik, zählen. Im Bewußtsein der Öffentlichkeit hat sich wenig von ihm erhalten, weniger als etwa von Andreas Gryphius. Eines seiner Gedichte steht unter dem Titel ”Eile zum Lieben” in Herders Volksliedern, und wird da ”Eins der schönsten deutschen Lieder” genannt (Hempel 5, 290). Ein anderes haben Arnim und Brentano unter dem Titel ”Überdruß der Gelahrtheit” in Des Knaben Wunderhorn aufgenommen, und in einer berühmten Rezension des Buches kann man darüber lesen: ”Sehr wacker. Aber der Pedant kann die Gelahrtheit nicht los werden” (JA 36, 250). Mit Recht hat Erich Trunz von Opitz gesagt: ”er war kein großer Dichter wie Petrarca und Ronsard”. Aber ebenso richtig ist was folgt: ”Überall wies er Wege, und alle haben an ihn angeknüpft, von Fleming bis Gottsched.” Und nicht bloß das. Unter den tausend meist ziemlich trockenen und oft nur regelrechten Gedichten, die er hinterlassen hat, gibt es auch ein Dutzend kleiner Meisterwerke – Epigramme, Sonette, Lieder, die es sich lohnt, auswendig zu kennen. So das noch ganz im Volksliedton gehaltene Fieberliedlin des jungen Opitz mit den Strophen:

    Er lag in heisser flammen,
    Die Sprache ließ schon nach,
    Die Hitze kam zusammen,
    Der Puls schlug sehr gemach;
    Empfund doch mitten in dem leiden,
    Weil er bey jhr wahr, lust vnd frewden.
    Sie schlug die augen nieder,
    Als er fiel in den todt,
    Er wandte hin vnd wieder
    Sein haupt in letzter noth,
    Sein Hertz wurd matt, die adern sprungen,
    Der Geist würd auß zufahrn gezwungen.
    (Teutsche Poemata, ed. Witkowski, 134)

Wer die Mühe nicht scheut, in den alten oder neuen Ausgaben zu blättern, kann sich auf manche Überraschung gefaßt machen – wie beim Lesen des Lobgedichtes An die Königliche Majestät zu Polen und Schweden, in dem der Emigrant mitten im Dreißigjährigen Krieg den Fürsten unter anderem mit diesen Versen rühmt:

    dich dünckt zu wenig seyn
    Für deine Gütigkeit das Volck das du regierest,
    Das dich mit Treuen meynt und du mit Wolfahrt zierest;
    Du bist ein grosser Trost, ein Schirm und Zuversicht
    Für einen jeglichen der dich umb Schutz bespricht
    Und sonst bedranget ist. Die Frembde zu dir kommen,
    Gehn Frembde nicht hinweg: sie werden auffgenommen,
    Gesetzt in Sicherheit, in Ruh und solchen Standt,
    Daß sie bedünckt dein Reich das sey jhr Vatterland.
    (Opera 1690, Erster Theil, 6)

Ein Fazit dieses Werks hat im Jahre 1923 Friedrich Gundolf gezogen. Die letzten Worten seines großen Essays über Opitz lauten:

    Vielleicht liegt sein Verdienst weniger in dem was er geschaffen als was er verhütet: die Flucht deutschen Geistes aus der europäischen Bildung. Er hat eine Brücke gebaut zwischen Petrarca und Goethe über den von Luther gerissenen Abgrund hinweg. Manche werden diesen Abgrund heilsamer finden und wir könnten uns schönere Brücken denken. Aber so wie es gekommen trägt sie seinen Namen.
    (52)

Auch wenn ihn Goethe an keiner Stelle nennt.

© Christian Wagenknecht 1999

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[Letztmalige Aktualisierung: 28.01.1999 / cl]
© 1999 Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen