Handschriftenfragmente der Sammlungen Morbio und Müller - Projektdetails (Pergament-Fragmente)

Schadenserhebung und Machbarkeitsstudie zur Restaurierung

Die Sammlungen Morbio und Müller bilden zwei Teilsammlungen innerhalb eines umfangreichen Fragmente-Konvoluts an der SUB Göttingen. Sie umfassen eine große Anzahl von Pergamentmanuskripten aus verschiedenen Jahrhunderten. Die Sammlung von Carlo Morbio (1811–1881) besteht aus 617 Fragmenten aus dem 10. bis 16. Jahrhundert, zur Sammlung von Wilhelm Müller (1812–1890) gehören 112 Fragmente aus dem 8. bis 17. Jahrhundert. Erste Bestandsbeschreibungen lieferte Wilhelm Meyer (1845–1917) Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Gesamtkatalogisierung des Handschriftenbestandes der SUB Göttingen. Im Sommer 2019 erfolgte eine Kurzaufnahme der beiden Sammlungen, bei der jedes Stück einzeln erfasst wurde. Dabei wurde ersichtlich, dass eine wissenschaftliche Tiefenerschließung ohne vorhergehende konservatorische Maßnahmen nicht möglich ist, da sich die Fragmente in einem schlechten Zustand befinden. Ein besonderes Problem stellt dabei Tintenfraß an den Pergamenten dar, aber auch ältere Reparaturen haben zu starken Spannungen und teilweise Deformierungen geführt. Darüber hinaus lassen sich bei einigen Fragmenten abplatzende Malschichten beobachten.

Insbesondere die bislang von der Forschung kaum beachtete Sammlung von Morbio ist für die Anfänge der Mittelalterforschung im 19. Jahrhundert von besonderer Bedeutung. Carlo Morbio wurde 1811 in der norditalienischen Stadt Novara geboren. Nach einem Studium in Mailand veröffentlichte er 1833 den ersten Band zu einer vierbändigen Geschichte der Provinz Novara, die er auf der Grundlage unveröffentlichter archivalischer Quellen verfasste. Bis 1846 folgten weitere sechs Bände zu anderen norditalienischen Gemeinden. Durch den großen internationalen Erfolg dieses Werkes wurde er von der französischen Regierung mit der Herausgabe eines Katalogs aller in italienischen Archiven und Bibliotheken vorhandenen Manuskripte zur französischen Geschichte und Literatur beauftragt. Zahlreiche Kataloge und Editionen von mittelalterlichen Briefen und Urkunden folgten. Neben seinen geschichtswissenschaftlichen und bibliographischen Tätigkeiten sammelte Morbio zudem selbst viele wichtige, zumeist mittelalterliche Urkunden, aber auch Siegel, Medaillen und Handschriftenfragmente. Nach seinem Tod wurde der größte Teil seiner Sammlungen an den deutschen Buchhändler Theodor Ackermann (1827–1911) verkauft und von diesem in verschiedenen Auktionen vor allem an deutsche und italienische Bibliotheken versteigert. Auf diesem Weg gelangten die Urkunden in den Besitz der ULB Halle, die Handschriftenfragmente wurden von der SUB Göttingen erworben.


Auch bei der Fragmentesammlung von Müller handelt es sich um das Ergebnis langjähriger wissenschaftlicher Beschäftigung mit historischen Quellenzeugnissen. Wilhelm Müller, der u. a. bei Friedrich Dahlmann (1785–1860), Heinrich Ewald (1803–1875) und Jacob Grimm (1785–1863) studiert hatte, lehrte seit 1841 als Professor für Deutsche Philologie an der Universität Göttingen. Der Germanistischen Fachwelt ist er bis heute vor allem als Bearbeiter des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs bekannt, das er auf Grundlage des Nachlasses von Georg Friedrich Benecke (1762–1844) mit Unterstützung von Friedrich Zarncke (1825-1891) verfasste. Seine Handschriftensammlung fiel nach seinem Tod an das Philologische Seminar in Göttingen, dem er bis zu seinem Tod gemeinsam mit Moritz Heyne (1837–1906) als Direktor vorgestanden hatte. Die Fragmente wurden Ende der 1930er Jahre an die SUB Göttingen übergeben.

Ziel dieses Projektes ist die Schadenserhebung und Methodenerprobung für ein zukünftiges Restaurierungsprojekt für Pergament-Fragmente, das die Voraussetzungen für die Erschließung, Digitalisierung und virtuelle Zusammenführung der Sammlung Morbio schaffen soll. Da die Schadensbilder der Sammlungen Morbio und Müller vergleichbar sind, erfolgt die Bearbeitung der vergleichsweise kleinen Fragmentesammlung von Müller zusammen mit der Sammlung Morbio, sodass die Vorteile der Mengenbearbeitung möglichst effizient genutzt werden können.

Die Teilziele des Projekts sind im Einzelnen:

  • detaillierte Schadenserhebung
  • Recherche zum aktuellen Stand der Behandlung von Tintenfraß auf Pergament
  • Materialuntersuchungen von alten Reparaturen hinsichtlich der verwendeten Papiere und Klebstoffe
  • Überprüfung, ob und mit welchen Methoden die Verklebungen gelöst werden können, ohne den Tintenfraß weiter zu verstärken
  • Erstellung eines detaillierten Mengengerüstes und einer Aufwandsschätzung

Es ist geplant, nach einer an dieses Projekt anschließenden erfolgreichen Restaurierung einen Antrag auf Drittmittel für die Erschließung der Fragmente im interdisziplinären, digitalen Forschungslaboratorium Fragmentarium zu stellen, damit sie von der nationalen und internationalen Forschung genutzt werden können.

Projektleitung in der SUB Göttingen

Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in der SUB Göttingen

Am Projekt beteiligte Abteilungen bzw. Gruppen in der SUB Göttingen